Ein Stück, dessen
Handlung und Personen derart vielschichtig, offen, rätselhaft sind, dass ihnen im Grunde nicht beizukommen
ist! Am Ende
bleiben wir mit unbeantwortbaren Fragen zurück:
Ist Leonce und Lena ein Märchen, das selbst für Kinder seine Faszination entfaltet? Oder
handelt es sich um eine anspruchsvolle Gesellschaftssatire mit tiefschürfenden
existentiellen Sinnfragen? Und ist es Büchners Absicht, den Zuschauer in einen Zustand des Hin- und
Hergerissen-Seins zu drängen, ihn mit zahllosen Fragen zu konfrontieren, allein zu lassen?...
Zum Beispiel Leonce:
Revolutionärer Sympathieträger, da er sich der alternativlosen Vorbestimmtheit seiner gesellschaftlichen
Rolle und seines Lebens entgegenstemmen will? Und sei es auch nur, um angesichts des debilen Zustands
seines Vaters dem sicher
gleichen Schicksal zu entgehen, weil borniertes Machtstreben und Auf-Macht-Beharren immer so enden?
Ebenso wie Macht-Ergebenheit und blinde Gefolgschaft, wie wir sie heute beim eindimensionalen
Menschen erleben, der sich
von gelenktem Verbrauch und fremdgesteuerten Trends entmündigen lässt (Marcuse): Die Menschen also
nur funktionierende Automaten? Und Leonce deshalb sympathisch, weil er sich nach individueller
Selbstbestimmtheit und Freiheit
sehnt? Ausgerechnet er, der Abkömmling der in Agonie verfallenden herrschenden Unterdrückerklasse, der
doch auch die Züge des verwöhnten Muttersöhnchens trägt und sich seine Auflehnung gegen den goldenen
Käfig leicht leisten
kann? Der selbst die Naturgesetze in Frage stellt und sich in romantischer Schwelgerei und
Todessehnsucht ergeht, was gerade sein Begleiter (Harlekin? Narr?) Valerio in zynischer Weise entlarvt
(Man kann keinen Kirchturm hinunter
springen, ohne sich den Hals zu brechen")? Jener Valerio, der, als Unterschichtangehöriger,
eigentlich prädestiniert wäre, revolutionär zu sein, die herrschenden Verhältnisse in Frage zu stellen.
Aber gerade der agiert
rational-berechnend, blitzgescheit, aber eben doch opportunistisch-egoistisch, nur auf seinen
materiellen Vorteil bedacht.
Was soll man mit Lena anfangen, kann sie Leonce überhaupt lieben? Was an ihm ist so anziehend
für sie, bei der man nicht weiß, ob sie dem naiv-unschuldigen Menschenbild Rousseauscher Provenienz
entspricht, nicht fähig, die Zwänge der gesellschaftlichen Strukturen oder Machtverhältnisse zu erkennen
und daher mit jener
elementaren Unschuld und Naivität ausgestattet, um die sie Leonce (Warum muss ich es gerade wissen?)
so beneidet? Das Leben wäre angepasst doch so viel einfacher, bequemer! Ist das der Schlüssel für die
Beantwortung der Frage,
warum beide am Ende doch auch als funktionierende Automaten enden?
Wenig Märchen und Utopie, stattdessen resignative, fatalistische Welthaltung? Kann denn wirklich niemand
seiner Vorbestimmtheit entkommen? Büchner - zerrissen
zwischen Realismus und Idealismus.
Das politische Vermächtnis Büchners, seine Mahnung an uns finden wir auch in seiner Schrift
Der Hessische Landbote: "Hebt die Augen auf und zählt das Häuflein eurer Presser
, die nur stark sind durch das Blut, das sie euch aussaugen, und durch eure Arme, die ihr
ihnen willenlos leihet. Ihrer sind vielleicht 10.000 im Großherzogtum und eurer sind es 700.000,
und also verhält sich die
Zahl des Volkes zu seinen Pressern auch im übrigen Deutschland." Und welchen Genuss
bietet - gerade in diesen Tagen - Büchners urkomische Entlarvung des psychotischen
Überwachungstriebs des Staates gegenüber
nicht willfährigen Bürgern!...
B. Blaes
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